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Die Vereinsgeschichte bis 1945

Chronik TuF

Aufgezeichnet von Jakob Koch (1871-1954), Mitbegründer des Vereins

Im Spätsommer 1888 versammelte sich wie allabendlich nach dem Abendessen die Dorfjugend am Born und zwar dem Alter nach getrennt. Die Jüngeren durften nicht zuhören, was die Älteren verhandelten.
Damals führte die Straße noch über eine Brücke. Zu beiden Seiten dieser Brücke war eine Mauerbrüstung, die als Sitzgelegenheit benutzt wurde. Man konnte sich in der Zeit noch ungestört dort aufhalten, denn Autos und Radfahrer gab es damals noch nicht. So war es auch an einem dieser Abende, als die Älteren auch jüngere Buben herbeiriefen um zuhören zu dürfen. Es wurde von einem Turnverein gesprochen. Wortführer waren: Stocks Jakob, Schreiner August, Schuster Karl, Hilde Heinrich, Schuster Wilhelm, Wüste Wilhelm usw.
Wir vom Jahrgang 1871 wollten sofort dabei sein. Die Mehrzahl dieser Buben hat in Diez und Limburg gearbeitet oder gelernt. Dort hatten sie zum ersten Mal das Turnen gesehen und so rege es nun in ihnen der Wunsch, auch einen Turnverein zu gründen.
Und so wurde dann jeden Abend von dieser Sache gesprochen, bis die Eltern und die übrige Einwohnerschaft, vor allem die Ortsbehörde, darauf aufmerksam wurden und da gab es ein „Halt!". Die Eltern glaubten in damaliger Zeit, durch diese neuen Bestrebungen würden ihnen die Kinder aus der Hand und damit aus der Zucht genommen. Die Ortsbehörde glaubte auch, sie würde in ihrer beschaulichen Ruhe gestört. Die Eltern waren auch gewohnt, dass ihre Kinder abends zu einer bestimmten Zeit im Hause waren. Das würde dann, wenn ein Turnverein da war, nicht mehr so sein. Das waren die ersten Hindernisse.
So blieb denn die Sache ruhen bis zum Frühjahr 1989. Da wurde Hilfe von auswärts geholt und zwar von Diez. Der damalige Turnwart, Jungs Jean, nahm sich der Sache an und schickte einen Mann namens Meier hierher. Dieser machte diejenigen, die dabei sein wollten, namhaft und stellte eine Mitgliederliste auf. Dann wurde ein Vorstand gewählt, Satzung und Statuten aufgestellt und der Turnverein war gegründet. Aber damit war noch lange nicht der Widerstand der Einwohnerschaft und der Ortsbehörde gebrochen.
Der Turnverein war nun dem Namen nach da und es musste jetzt auch geturnt werden. Aber wo?-
Nun, Jugend weiß sich zu helfen. Vor dem Dorf wurde einfach ein Sägebock auf die Straße gestellt und da wurde darüber gesprungen. Als das nicht mehr möglich war, hat uns der Schuster Hannjer in der Borngasse seine Scheuer aufgemacht. Hier wurden dann Freiübungen und Marschübungen gemacht, bis dann die Erntezeit kam und die Scheuer gebraucht wurde. Nun gingen wir in den Schulhof. Dort standen ein Barren und ein Reck. Der damalige Lehrer Strack wurde ersucht, uns die Geräte ab und zu mal zu überlassen, was er aber kurzweg ablehnte. Da war nun noch ein Raum in dem Sommers Haus, in welchem der Schreinermeister Dick seine Schreinerei hatte. Das Haus war früher mal eine Wirtschaft gewesen und da war noch ein kleiner Saal. Dort hat dann Herr Meier mit uns Freiübungen und Turnspiele aufgeführt. Wenn wir im Winter dann in unseren dünnen Trikothemdchen dagestanden haben, hat uns Herr Meier durcheinander gejagt, sodass wir schnell warm wurden. Im kommenden Jahr fand dann der Raum wieder als Schreinerwerkstatt Verwendung und wieder wussten wir nicht, wo wir hin sollten. Niemand wollte uns haben und viele Leute im Dorf nannten uns höhnisch: „die Turner-Bouwe". Es sah fast so aus, als ob der Verein wieder zugrunde gehen sollte. Da half uns ein Mann in selbstloser und uneigennütziger Weise, dass er uns seinen Garten zur Verfügung stellte.  Es war der Gastwirt Wilhelm Scheid. Auch stellte er unentgeltlich einen Raum zur Verfügung. Wir hatten somit ein Heim, sodass der Verein sich frei und ungestört entwickeln konnte. Dies ist heute noch höchsten Lobes und Dankes wert. Denn wer im Dorf hätte das noch gelitten, dass abends und sonntags das junge Volk durch Scheuer und Garten lief und alles ver-trampelte.
Nun hatten wir Platz und es konnte an die Arbeit gegangen werden. Zuerst mussten die Geräte herbei. Geld war dazu noch keins da, denn die paar Pfennig Beitrag der Buben reichten nicht. Es wurde dann ein Barren selbst gezimmert. Fritz Popp als angehender Schreiner fertigte die Holmen an. In der Mühle fanden wir altes Bauholz. Davon wurden Pfosten zurecht gemacht. Diese wurden in die Erde eingegraben, die Holmen aufgeschraubt und der Barren war fertig. Strahlend haben wir Jungen davor gestanden, hatten wir noch etwas, was wir unser Eigentum nennen konnten.
Inzwischen war ein Flachter, Karl Heimann, aus der Fremde zurückgekommen, wo er gearbeitet und auch in verschiedenen Stäten dem Turnverein angehört hatte. Karl Heimann brachte turnerisches Können und Wissen mit, nahm als Turnwart die Leitung in die Hand und es ging aufwärts. Nach einiger Zeit wurde der Wunsch laut, auch ein Reck anzuschaffen. Dank der Deutschen Turnerschaft und auch der Turner selbst, wurde auch dieses geschafft. Es verging fast keine Turnstunde, in der nicht zu freiwilligen Spenden aufgerufen wurde. Und jeder gab das Letzte her. Der Hauptbetrieb war sonntags. Da wurde fast den ganzen Nachtmittag geturnt, denn die Abende in der Wrche waren zu kurz und es wurde auch früh dunkel. Die meisten Turner kamen erst um acht oder halbneun heim, denn damals wurde noch bis 19.00 Uhr gearbeitet und so wurde es 21.00 Uhr bis wir zur Turnstunde kamen. Wir stellten zur Beleuchtung Lampen auf Ständer. Diese nahm der Turnwart nach Turnschluss mit nach Hause, reinigte sie und brachte sie zur nächsten Übungsstunde wieder mit. Damals hatten wir es noch nicht so schön wie heute, dass man in die Halle gehen kann, knipst das Licht an und schon ist es hell. Der Zeugwart war für die Geräte verantwortlich. Nach Turnschluss wurde alles fein säuberlich weggeräumt und in der Scheuer aufgestellt. Es durfte aber niemand weggehen, bis alles weggeräumt war. Im Winter durften wir auch den Saal benutzen, wenn auch nicht gerade zum Turnen, jedoch zu Freiübungen, Turnspielen und zum Theaterüben. Auch haben wir den Gesang gepflegt, dank dem Wilhelm Schönborn aus Holzheim, genannt Bääbs Dicker, jetzt wohnhaft in Hausen. Er hat viele schöne Lieder mit uns eingeübt und so auch für Geselligkeit gesorgt und wo immer der Flachter Turnverein hinkam, konnte er auch mit einem schönen Lied auftreten.
Jetzt als man sah, was der Turnverein wollte und schaffte, wuchs auch das Interesse der übrigen Ortseinwohner und mehrere maßgebende Leute, wie Hannjere Bäcker, Heckes Kuhmann, Bürgermeisters Georg, Rumps Georg usw. kamen zu uns, halfen und unterstützten uns.
Das was die Eltern anfangs befürchtet hatten, sie bekämen ihre Jungen aus der Hand, schlug ins Gegenteil um, denn Zucht und Ordnung waren oberstes Gesetz. Wenn auch der Turnwart und der Vorstand selbst noch Buben waren, so waren sie sich doch ihrer Verantwortung bewusst und hielten streng auf Ordnung. Es war jedem untersagt, sich nach Verlassen des Turnplatzes auf der Straße umherzutreiben und Unfug zu treiben; jeder ging nach Hause. Kamen einmal Beschwerden über den einen oder anderen, so wurde dieser in der nächsten Turnstunde vorgenommen und der Turnwart hat sich auch nicht gescheut, wenn es nötig war, mal einem eine hinters Ohr zu hauen. Keiner hat sich gemuckst. Bei Versammlungen durften die Zöglinge mit dabei sein. Wenn es 22.00 Uhr war, stand der Vorsitzende auf und sagte: „Die Zöglinge gehen jetzt nach Haus". Dann nahm jeder sofort seine Mütze und ging. 
Nachdem nun das Reck vorhanden war, schafften wir uns auch ein Pferd an. Es konnte aber nicht aus einer Gerätefabrik beschafft werden, so viel Geld hatten wir nicht. Einzelne Teile wurden beschafft und das andere selbst gebaut. Die Turnerei nahm einen ungeheuren Aufschwung, sodass nach ganz kurzer Zeit die Gaufeste, wo die Preisturnen abgehalten wurden, mit Einzelturnern und später auch mit Musterriegen beschickt werden konnten. Sie kamen dann als Sieger mit dem schlichten Eichenkranz zurück.
Auch äußerlich, sowohl in der Kleidung als in der Haltung wollte der Flachter Turnverein sich sehen lassen. Es wurden Trommeln und Pfeifen angeschafft, auch wieder aus eigenen Groschen. Wir gingen mit vier Mann, Heimanns Anton, Popps Fritz, Schnees Wilhelm und Kochs Jakob sonntags nachmittags nach Hahnstätten zu einem alten Musiker, um trommeln und pfeifen zu lernen. Dafür bezahlten wir pro Mann -,50 Pfennig und die bezahlten wir aus eigener Tasche. Immer wieder um den Verein nicht zu belasten. Da blieb natürlich nichts mehr übrig zum Wirtshausgehen. Jeder Pfennig wurde für die gute Sache ausgegeben.
Im Jahre 1891 war es dann soweit, dass die Anschaffung einer Fahne erwogen wurde. Das Geld dazu wurde durch äußerste Sparsamkeit und aus Zuwendungen aus Turnerkreisen beschafft. Von einer Sammlung bei den Ortsbewohnern wurde Abstand genommen. Die Turner hatten sich in ihrem Stolz verbissen, dass sie alles selbst machen wollten. Daher auch die Inschrift auf der Fahne: „Aus eigener Kraft".
1892 war dann die Fahnenweihe. Und nun marschierte der Flachter Turnverein stolz hinter seinem Banner her und war einer der schneidigsten Vereine weit und breit. So vollzog sich der Aufstieg des Vereins immer mehr. Nach einigen Jahren trug man sich mit dem Gedanken, eine Turnhalle zu bauen. Dieses wurde auch, dank der Ortsbehörde und einiger einsichtiger Ortsbewohner, die ihre Mithilfe anboten, bewerkstelligt. 1901 war die Weihe der Turnhalle.
1913, das letzte Turnfest vor dem ersten Weltkrieg sah den Verein auf seiner Höhe. Einzelturner und Vereinsriegen traten auffallend in Erscheinung, sodass am Schluss des Festes, trotz dauernden Regens, welcher es in seiner Ausführung schwer benachteiligte, der Gau sich lobend für den Verein als Veranstalter aussprach.
Der Weltkrieg 1914/18 forderte auch von unserem Verein seine Opfer. Eine Ehrentafel in der Halle mit den Namen der gefallenen Turner erinnert jeden Besucher an den Ernst der damaligen Zeit.
1916 besuchte Jakob Koch mit einer Riege das berühmte Feldbergfest, um auch hier erfolgreich den Geist des Vereins unter Beweis zu stellen. In all den Jahren des Kampfes ließ es sich der Verein nicht nehmen mit seinen Turnern und Kameraden in Verbindung zu bleiben, sei es nun durch Liebesgaben oder sonstige Sendungen.
Wie hoch das Ansehen des Vereins beim Gau eingeschätzt wurde, ergibt sich daraus, dass nach Beendigung des unglückseligen Krieges die erste Zusammenkunft der Aktiven, das heißt das erste Gauturnfest, im Jahre 1919 wieder in Flacht stattfand und nach den Möglichkeiten der damaligen Zeit ein Erfolg für die Turnerei wurde.
Obwohl im 1. Weltkrieg viele gute Turner ihr Leben lassen mussten, hob sich der Turnbetrieb von jetzt an nicht nur bei uns, sondern auch im ganzen Gaugebiet.
1924 besuchte eine Abordnung des Vereins das Deutsche Turnfest in München.
Im Jahre 1927 beteiligte sich der Verein erfolgreich mit einer Riege und Einzelturnern an dem Turnertreffen des Mittelrheinkreises in Darmstadt.
1928 war es wieder das Deutsche Turnfest in Köln, welches die Turner besuchten.
Wenn auch keine aktive Betätigung dabei war, so war doch der Besuch immerhin ein Erfolg, denn viel Gutes für die Turnerei wurde mit nach Hause gebracht. 
Im Jahre 1930 war der Verein wieder erfolgreich mit einer Riege und Einzelturnen, darunter verschiedene Turnerinnen, auf dem Kreisturnfest in Hanau vertreten.
Bis zum Jahre 1931 hatte sich der Verein derart entwickelt, dass die Turnhalle für den technischen Turnbetrieb nicht mehr ausreichte und eine Erweiterung bzw. Vergrößerung notwendig war. Nach verschiedenen Beratungen kam man zu dem Entschluss, dass der Kopf an dem westlichen Teil ausgebaut und der untere Raum (Keller) als Wirtschaftsbetrieb vorgesehen wurde. Der echte Turnergeist der gesamten Mitglieder machte sich hier wieder bemerkbar, sodass ein großer Teil der Umbauarbeiten von den Mitgliedern nicht nur getragen, sondern auch durch persönlichen Einsatz unter Beweis gestellt wurde.
Nachdem der Umbau fertiggestellt war, konnte der Verein nicht nur turnerisch, sondern auch kulturfördernd wirken und damit Volksgemeinschaft im wahrsten Sinne des Wortes pflegen.
Nach mehrjähriger Arbeit, wie vorher geschildert, konnte dann der Verein unter Teilnahme der gesamten Einwohnerschaft 1939 sein 50-jähriges Bestehen feiern.
Einige Wochen nach dem schönen Fest fing der verhältnisvolle 2. Weltkrieg an. Das Vereinsleben kam allmählich zum Erliegen. Die jungen Vereinsmitglieder mussten einrücken und nur die Schüler unter der guten Führung von Ludwig Reinhardt hielten die alte Tradition noch einigermaßen hoch. Die Turnhalle wurde im Krieg von der Wehrmacht zur Lagerung von Geräten beschlagnahmt und auf der Bühne fand der Kindergarten eine Unterkunft. In den Wirrnissen bei Kriegsende 1945 wurde leider die Turnhalle fast gänzlich seiner Einrichtungen beraubt, es ist ein Wunder, dass unsere Turngeräte noch vorhanden blieben. Der Verein an sich bestand nicht mehr, er war zwangsläufig aufgelöst.

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